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Musikarbeiter unterwegs - mit Clara Luzia weg von "Mädelsband" und "Bubenband"

Unlängst kam ich als DJ-Eingreiftruppe in einem Gürtellokal kurzfristig zum Handkuss, sprich Auflegen. In Augen- und Ohrenwinkeln erlebte ich so eine ungenannt bleibende Liveband mit – es war grässlich! Seelenlose, uninspirierte Musik, im Geiste eines seit Jahrzehnten obsoleten (obwohl, im Land mit dem A …) Mainstream-Sounds, furchtbar. Auffällig, dass die schlimmsten Muckerposen und -licks von der Bassistin kamen, fast als würde sie eine entlarvende Parodie ihres männlichen Pendants geben, dem ultragroovy Bassgott verschmolzen mit seinem Instrument, mehrere Lichtjahre von der nächsten songdienlichen Idee entfernt.

Deutlicher bekam ich es seit langem nicht vorgeführt dass, egal ob von Männlein oder Weiblein, technisches Vermögen allein keine gute, berührende Musik ausmacht. Dass nach Punk, DJ-Culture und Queer-Core andererseits männliche Dummheit es noch immer zuwege bringt, Musikerinnen über ihr vermeintlich fehlendes Können abzuqualifizieren, ist erschütternd, so erschütternd wie die Pension, die meine verehrungswürdige Mutter nach Jahrzehnten im Staatsdienst bekommt – vergleicht man sie mit der eines männlichen Kollegen. „Das ist noch lange nicht vom Tisch“, wischt Clara Luzia beim Interview meine Illusionen vom selben. „Wenn wir mit Alalie Lilt in so Probestudios geprobt haben, sind schon diese Fragen gekommen, `wie ist das denn in einer Mädelsband?´. Wir haben dann zurückgefragt `und wie ist das in einer Bubenband?´, woraufhin die meinten – `was heißt da Bubenband, wir sind eine normale Band.“

Anderseits interessiert es Clara wenig ausschließlich den Aspekt als Frau Musik zu machen in den Vordergrund gerückt zu bekommen. „Bei Le Tigre (feministisches us-amerikanisches Trio, Anm.) frag ich mich dann schon, was sind die eigentlich, Politikerinnen? In Interviews geht es da eigentlich nie um die Musik.“ Wobei Clara nachschickt „anderseits gehör ich schon zu denen, die sagen, alles ist politisch.“ Mit Alalie Lilt spielte Clara bis Jänner 2006, bevor sie sich entschloss ihre Songs „solo“ umzusetzen. Wobei sie als Clara Luzia wieder mit einem fixen Line-Up spielt: Mika Vember an den Percussions, Heidi Dokalik am Cello und Alexander Nefzger, der auch die wunderbare, transparente Produktion des Albums besorgte, an diversen anderen Instrumenten.

Railroad Tracks
Wesentlicher Unterschied von Alalie Lilt zu Clara Luzia ist Clara`s offen eingestandene Demokratieunfähigkeit im Bandgefüge. „Bei Alalie Lilt kamen immer diese Vorschläge, bei den Songs dieses und jenes anders zu machen. Für mich war das immer ein bisschen so, wie an mir selber was auszubessern.“ Mit 16 begann die heute 27-jährige Musik zu machen, die pubertäre Entscheidung „Flasche oder Gitarre fiel für Beides aus.“ Diverse Janis Joplin-Biographien wurden verschlungen, später hinterließen Ani DiFranco, Electrelane oder zuletzt Laura Veirs deutliche Spuren in ihrem musikalischen Kosmos. Bei Veirs gerät sie ins Schwärmen, und betont die Wichtigkeit von Input von Außen, Musik, die wie ein Katalysator für die eigene Arbeit wirkt. „Wenn man was hört, das dann stoppen muss, weil einem selber was einfällt.“

Eine der wesentlichsten Qualitäten von „Railroad Tracks“ ist die Unmittelbarkeit ihrer Songs. Der Opener „My Body Is A Diary“ ist quasi in letzter Sekunde entstanden und noch aufs Album gerutscht. „Englisch zu singen ist schon so was wie ein Schutzschild, weil ich mich eh schon so ausziag.“ Das Englische hat zusätzlich den Vorteil, dass das Schreiben leichter fällt, weil anders als im Deutschen oft nicht alle Implikationen eines Wortes geläufig sind und sich in den Weg dessen stellen, was sie sagen oder beschreiben will. Um die Klischeebeladenheit von „Frau mit Gitarre“ wissend, gab es durchaus Ausbruchsversuche, „Punksongs zu schreiben, so richtig zu brüllen oder was weiß ich, Speed Metal zu machen.“ Was aber – zum Glück? – nicht wirklich gepasst hat, und uns Clara als „klassische“ Songwriterin erhalten hat. Gerade das vermeintlich abgesteckte inhaltliche und musikalische Feld wirkt absolut in favour der Künstlerin, weil sie eine dieser Stimmen hat, denen man einfach gerne und lange zuhört, und die einem beim Zuhören den Blick nach und nach auf die Dinge lenken, über die sie singen, während sich parallel die Facetten der Musik erschließen. Das mag introspektiv und leise – ein Song heißt auch „Quiet“ – und voller Alltag sein, anderseits vermag das zu berühren und den eigenen Blick zu verändern. Clara macht uns eben nicht zu willigen Voyeuren ihrer Nabelschau, sondern legt gerade soviel Charakter, Biographie und Persönlichkeit in ein Lied, dass es als unverkennbar Clara Luzia zu erleben ist, aber trotzdem noch Platz für ein (kleines) Geheimnis bleibt, das ermöglicht, dass wir Zuhörerinnen den Song auch ein wenig zu unserem machen.

Rainer Krispel




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