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Mit G'fühl

Text: Angie Höller / Illustration: Sadi Güran / Fotos: Silke Elsinger, Martina Feichtinger, www.claraluzia.com

Bei Clara Luzias Musik ist die Suchtgefahr vorprogrammiert. Auf ihrem Debüt-Album "Railroad Tracks" ist ein wunderbarer Seelenstriptease der 27-jährigen Muisikerin zu erleben.

Mit acht Jahren schrieb sie bereits ihr erstes Lied. Es sollte ein Song-Contest-Beitrag für Österreich werden. Gesangsunterricht ist für sie ein Fremdwort, und ihren Musikstil kann sie selbst gar nicht beschreiben. Irgendwo zwischen Indie, Acoustic und Pop halt. Unüberhörbar ist die Liebe zum Detail bei den Studioaufnahmen. Jegliche Instrumentierung (Gitarre, Akkordeon, Cello, Piano, Percussion) ist mit Hilfe von Produzent Alexander Nefzger zu einer Einheit verschmolzen, die nur ahnen lässt, wie viele Stunden Arbeit dahinter stecken. Selbst ihre Katze Kedi durfte im Takt dahinschnurren und bekam ein gleichnamiges Lied gewidmet.

Clara Luzia ist ein Album gelungen, das es in dieser Professionalität und Qualität in Österreich noch nicht gegeben hat.

Pride: Als erstes Gratulation zu „Railroad Tracks“ - ein wunderbar ehrliches und gefühlvolles Album. Ist es nicht manchmal schwer für Dich, Dich bei Live-Auftritten vor fremden Leuten zu öffnen und Deine Gefühle und Gedanken mitzuteilen?

Clara: Dankeschön! Vor fremden Leuten ist es überhaupt kein Problem, nein. Schwierig ist es, die Lieder vor FreundInnen zu spielen oder eben in sehr, sehr kleinem Rahmen. Das versuche ich weitgehend zu vermeiden, weil mir das dann doch zu grenzüberschreitend - im wahrsten Sinn des Wortes - wird. Da fühle ich mich leicht bedrängt, zu offen gelegt.

Pride: Mir ist auch aufgefallen, dass Du die meiste Zeit beim Singen die Augen geschlossen hältst. Wo befindest Du Dich dann, und fühlst Du Dich so sicherer?

Clara: Das muss ich machen, um nicht abgelenkt zu sein. Ich bin keine besondere Konzentrationsbegabung und vergesse von einer Sekunde auf die andere, an was ich gerade arbeite/denke. Wenn ich also beim Singen durch die Gegend schaue, könnte es mir leicht passieren, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, was ich eigentlich gerade mache. Und natürlich hilft es mir, trotz all der Leute und dem beobachtet Sein eine Art Intimität herzustellen, den Ansatz einer Ruhe zu finden, die mich singen lässt. Wo bin ich? Im Lied, ich versuche immer, dahin zu kommen, wo ich war, als ich das geschrieben habe, um die Emotion transportieren zu können.

Pride: Welches Lied ist für Dich persönlich am wichtigsten, und warum?

Clara: „Fine“ ist für mich ein all-time-favorite, weil diese Nummer keinen bestimmten Moment in meinem Leben beschreibt, sondern ein grundsätzliches „Lebensgefühl.“ Da ist mir - finde ich - recht gut gelungen, sehr allgemein zu bleiben, und trotzdem dabei auf den Punkt zu kommen - für mich jedenfalls. „Quiet“ ist mir vor allem inhaltlich sehr wichtig, weil es eine Verknüpfung herstellt zwischen den beiden vermeintlichen Polen „privat“ und „öffentlich“. Ich glaube, die Nummer werde ich auch noch lange hören können. Und „Nutrition“ höre ich mir selbst zwar so gut wie nie an, weil es recht intensiv ist, hat aber auch eine sehr große Bedeutung für mich. Mein politisches Manifest quasi.

Pride: Im Lied „Lucky Gal“ sprichst Du offen über Deine Liebe zu Frauen. Lebst Du offen lesbisch und wann hast Du gemerkt, dass Du Dich von Frauen angezogen fühlst?

Clara: Ja, ich lebe ausschließlich in Beziehungen mit Frauen. Offen, ja. „In the closet“ war für mich nie eine denkbare Option. Meine ersten Erinnerungen an Gefühle des Hingezogenseins zu Frauen und Mädchen sind irgendwo im Kindergarten.

Pride: Was denkst Du allgemein über die Situation lesbisch lebender Frauen in Österreich? Hat sich in der letzten Zeit etwas geändert und was würdest Du Dir für die Zukunft wünschen?

Clara: Ganz salopp: Ich wünsche mir, dass die Heteronormativität und das Zweigeschlechtermodell verschwindet. HA! Das ist extrem erdrückend, beeengend, völlig absurd, lebensverachtend und überhaupt böse. Ich kann schwer über die Situation lesbisch lebender Frauen in Österreich allgemein sprechen. Ich habe das Glück, mich mit Menschen umgeben zu können, die mich nicht permanent mit Heterosexismen und Homophobie zukleistern. Im Allgemeinen ist mein Eindruck aber, dass lesbisches Leben nach wie vor recht zurückgezogen stattfindet. Was ich einerseits auch verstehe - warum soll ich mich der quasi feindlichen Umwelt aussetzen? - andererseits ist Sichtbarkei und schlichte Präsenz ein extrem wichtiges Mittel zur Durchsetzung von mehr Selbstverständlicheit. Frau mich sich Raum nehmen. Gegeben wird er ihr sicher nicht. Deshalb war für mich persönlich immer klar, dass ich mit meinem Begehren sehr offensiv umgehe, es nach außen trage, weil das für mich politisch unerlässlich ist. Im öffentlichen Diskurs schaut es immer noch erschreckend aus. Allgemein ist (Hetero-)Sexismus nach wie vor weit verbreitet - und auch wenn sich seine Erscheinung vielleicht geändert haben mag - habe ich nicht den Eindruck, dass es besser geworden wäre. Es hat sich höchstens verlagert. Dasselbe gilt für Homophobie.

Pride: Was ist für die nähere Zukunft geplant?

Clara: Konzerte sammeln. Dann sitzen wir auch schon wieder an der nächsten Platte. Wir wollen außerdem mehr proben - in der 7-er-Besetzung mit zweiter Gitarre, Schlagzeug, Bass sowie in der 4-er Version, damit wir je nach Veranstaltungsort das passende Programm anbieten können. Und dann möchte ich vor allem mein Label Asinella ein bissl aufpäppeln. Auf dem wir nächstes Jahr das zweite Clara-Luzia-Album erscheinen, sowie Mika Vembers Debüt (Mika ist unsere Percussionistin). Und wer weiß, was sonst noch...

Pride bedankt sich herzlichst für das Interview und wünscht alles Gute für die Zukunft!

Nr. 92, Jun. 06, S. 57-59.



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