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Pressematerial |

„This is a sad, sad song“, singt Clara Luzia im Refrain ihres aktuellen FM4-Hits „Morning Light“. Es ist eines dieser Lieder, die herausragen aus dem Tagesprogramm des Alternativ-Radios. eines, bei dem man genauer hinhört und das man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt mit seiner markanten Melodie, dem unaudringlichen Gesang, dem bei aller Traurigkeit weltumarmenden Chor und dem kollektiven Händeklatschen, das eher nach Auf- denn nach Zusammenbruch klingt. Die 29-jährige Wienerin singt nicht einfach zur sanft gestreichelten Akustikgitarre, vielmehr setzt sie auf eine fein abgeschmackte Mischung aus Folk und Indiepop, diemit einer fünfköpfigen Band stimmungsvoll umgesetzt wird.
„Morning Light“ ist kein einmaliger Glückstreffer. Luzias aktuelle zweite CD „The Long Memory“ ist voll mit berührend-melancholischen Liedern, die aber, und das ist eine der großen Stärken der Singer/Songwriterin, nie Richtung Larmoyanz kippen. Luzia schreibt ihre Lieder wie poetische Tagebucheinträge, suhlt sich aber nicht im eigenen Leid. Anders als glücklich mag zwar der vorherrschende Gemütszustand dieser Lieder sein, ihre Autorin baut aber genügend Brüche ein, um der Platte als Ganzer doch einen anderen Drive zu geben. Dazu passen auch die Pressefotos, auf denen sich die Musikerin nicht als stille Trübsalbläserin inszeniert, sondern als Zirkusdirektorin im schwarzen Anzug mit Zylinder posiert; die Band an ihrer Seite tritt als fidele Gauklertruppe auf. Um die Veröffentlichung ihrer Platten kümmert sich die junge Künstlerin selbst. „The long memory“ ist – wie schon „Railroad Tracks“ letztes Jahr – auf dem eigenen Independent-Label Asinella erschienen.
Der Erfolg gibt Luzia Recht: Die tausend Stück umfassende Erstauflage des Debüts ist inzwischen vergriffen, durch eine Kooperation mit dem kleinen Independent-Label Unterm Durchschnitt kommt „The Long Memory“ im Herbst auch in Deutschland heraus. Und Konzerte finden inzwischen schon einmal vor mehreren hundert Besuchern statt. Musik macht die als Clara Luzia Maria Humpel in Niederösterreich geborene Autodidaktin seit ihrer Pubertät; ihre große Heldin hieß Janis Joplin. „Ich war extrem uncool“, meint sie rückblickend. „Ich würde gerne sagen, dass ich Babes in Toyland, Sleater-Kinney und Bikini Kill gehört habe. Zum Teil kannte ich diese Sachen sogar und dachte mir aufgrund der politischen Texte auch, dass ich sie eigentlich super finden müsste. Aber diese laute Musik hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Erst Courtney Love konnte der Hippie-Ikone Janis Joplin Konkurrenz machen. Das Debüt von Loves Band Hole hatte Luzia zwar noch verschreckt, das nachfolgende Meisterwerk „Live Through This“ schlug dann aber auch in der niederösterreichischen Provinz ein. „Ich war hin und weg, wie eine Frau so schreien und gleichzeitig so tolle Melodien haben kann.“ Heute bevorzugt Luzia wieder ruhigere Töne.
„Trauriges Glücklichsein“ nennt sie als besondere emotionale Qualität von Musik, zieht aber strenge Grenzen: „Ich kann das Gejammer leidender junger Mittelstandsmänner nicht leiden.“ Sie wisse, dass das überheblich sei; aber sie möge es nicht, wenn Musiker klingen, als würden sie gleich zu heulen beginnen. Den US-Indie-Superstar Conor Oberst alias Bright Eyes hält Luzia etwa gar nicht aus: „Ich habe immer das Gefühl, dass er sich beim Singen seiner Lieder denkt: Gleich hab ich’S und sie finden, boah, ist der arm!“ Unter Generalverdacht stehen emotional gebeutelte Buben aber nicht. Künstler wie Patrick Wolf und Ryan Adams schätzt Luzia beispielsweise sehr. „Manches Gejammere ertrage ich nicht, anderes finde ich sehr berührend“, meint sie. „Wo genau die Grenze verläuft, kann ich nicht sagen. Ich mag beispielsweise auch Rufu Wainwright sehr gerne, und der jammert ja auch nicht schlecht.“
Gerhard Stöger