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Pressematerial |

Die Musikerin Clara Luzia hat winzige Nasenlöcher, das fällt wirklich auf, auch weil sie ihren rechten Nasenflügel mit einem Nasenring verziert hat, so als müsse sie ihre Mininasenlöcher kompensieren, eines ist aber sicher, ihr ist dadurch wohl dieses eine Trauma, Erbsen in der Nase zu verstecken und nicht mehr zu finden, erspart geblieben. Den Ring hat sie sich selbst durch die Nase getrieben, dabei sei sie in Ohnmacht gefallen, geweint hätte sie aber nicht, berichtet sie, und so sieht sie aus, dass sie solche Sachen dann doch lieber selber macht, auch dei vielen Ziernarben am Unterarm. Die kleine tätowierte Katze an ihrer Elle hingegen ist eindeutig Profiwerk, da kommt man schlecht selbst hin, sie ist das Piktogramm an den U-Bahn-Türen in Tokio, dort weint sie, weil sie sich den Schwanz eingeklemmt hat, aber nur dort, nicht auf Frau Claras Elle. In Japan weinen schnell mal Warnschilder, der Bus weint, weil er falsch überholt wird, der Bagger weint, weil er das Wasserrohr in der Erde beschädigt hat, und die Katze eben, weil sie bei der Tür nicht vorsichtig war. Übervorsicht sei auch ihre Kindheit gewesen, ihre Eltern sind zwar mit ihr nicht unoft aus Oberretzbach nach Wien in den Prater gefahren, aber man ließ sie immer nie die guten, die wilden Hochschaubahnen fahren, immer nur die kleinen ruckelnden, oder dieses schneckenartige Rutschding namens Toboggan, das konnten sich die Eltern erklären, das hatte keine komplizierte Mechanik, geheimnisvolle Steuerungschips, analoge Vergnügungen halt, so war auch Coca-Cola, also eine Art Digitalbrause, nicht nur verpönt, sondern sogar verboten. Man trank Saft, chemisch leicht dechiffrierbar.
Jetzt sitze ich mit ihr im schrecklichen Café Weimar, ein ehemaliger Tapezierladen („nur 99 Schritte von der Volksoper entfernt“), sie trinkt Himbeer-Soda, also relativ analog. Sie ist kurz angebunden, gleich muss sie im gegenüberliegenden Wuk mit ihrer Combo auftreten, neben uns ein Klavierspieler, der Eric Satie in Ragtimemanier (Der Clou) in die Tasten drischt, wie Marek und Vacek früher, er stopft sich ein Handtuch in den Kragen, auf meine fragenden Blicke antwortet er voller Grimm und ohne vom Spiel abzulassen: „Es zieht den ganzen Sommer, drei Monate lang“, Frau Luzia murmelt, wenn es mit ihrer Musik nicht klappen sollte, würde sie enden wie er, relativ schauerliche Vorstellung, das kleine Mädchen mit dem Nasenring und dem Handtuch im Hemdkragen. Sie raucht Parisienne, zweifellos die stilvollste Art, heiße, gewürzte Luft einzuatmen, sie lässt mir, als sie plötzlich jetzt aber wirklich losmuss, zwei Zigaretten auf dem Tisch liegen, plus 8,70 Euro, so als bezahle sie mich fürs Probieren, es ist ihr aber spürbar unangenehm, dass sie nur so wenig Zeit hat, sie ist so höflich, dass es wehtut, die Summe demnach also eine Art Schmerzensgeld. Das muss ich ihr bei Gelegenheit wieder zurückgeben, so geht’s ja nun nicht. Ich könnte es ihr zurückzahlen im herrlichen Strandbad Alte Donau, da sitzt sie immer in dem Pavillon, der wie eine Tankstelle aussieht, und trinkt den „sensationellen“ Spritzer, hergestellt aus einem Wein, wie sie erstaunlicherweise präzise lokalisieren kann, aus Neusiedl an der Ybbs, dazu ein Brot mit Eiern, ins Wasser geht sie nie.
Draußen geht ein Wolkenbruch nieder, ich weile ins Wuk zu ihrem Konzert, es platzt aus allen Nähten, die Massen folgen dem Ruf der sich begeisternden Medien, in der Halle riecht es wie nasser Hund, eben weil auch viele nasse Hunde im Publikum sind.
Ihre Musik, eine Mischung aus Suzanne Vega („My name is Luka“) und Nicole („Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“), viele Mädchen legen den Kopf auf die Schulter, wiegen sanft hin und her und halten die Bierflasche (Wieselburger) wie ein Baby im Arm, die Jungs im Publikum sehen aus wie der widerwärtigste aller Musiker, also Kurt Cobain, da sind einem dann doch die nassen Hunde lieber, und hier sehe ich zum ersten Mal, ja, sie können doch nach oben sehen, einer nicht mir nämlich freundlich zu.
Clara Luzia, 28, ist Folk-Sängerin
Rendez-Tex heißt die Sommerserie von „Falter“-Zeichner und –Autor Tex Rubinowitz über Begegnungen mit prominenten und weniger prominenten Menschen in Wien.